Alles zu seiner Zeit


Das Smartphone piept, eine neue Nachricht hat dich erreicht. Die E-Mail vom Professor sollte auch noch schnell beantwortet werden. Was mache ich zuerst? Kann ich nicht einfach mal abschalten? Christoph Breit ist Social-Media-Fachmann der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern. Täglich hat er mit dem Internet, seinen Chancen und Herausforderungen zu tun. Er gibt dir Tipps, wie ein guter Umgang mit dem digitalen Datenstrom gelingen kann.

Das Mädchen mit dem Smartphone in der Hand hätte ich fast überfahren. Über der Schulter die Handtasche, in der Linken das Handy, den Blick immer aufs Display gerichtet. Ihren Weg scheint sie gut zu kennen, von der S-Bahn nach Hause. Dass ich mit dem Fahrrad daherkomme, sieht sie nicht. So wenig wie vieles andere: die Herbstfärbung, spielende Kinder auf der Wiese und eine Oma, die gerade ihre Einkaufstasche die Treppe der Unterführung hochwuchtet. Erkennst du dich wieder?Auch ich bin online. Mein Smartphone ist nie ausgeschaltet, und irgendein Rechner ist immer an, jedenfalls tagsüber. Hunderte von Nachrichten, Bilder und Videos, Likes und Kommentare. Doch nicht immer. Alles zu seiner Zeit. Wie kann das gelingen? Dazu ein paar Tipps.

1. Entscheide dich

Wir können nicht alleine leben. „Es ist nicht gut“, sagt die Bibel dazu. Soziale Medien helfen dir, mit deinen Freunden und Bekannten verbunden zu bleiben. Doch du musst auswählen: die Party oder die Einladung? Gehe ich mit dem zum Essen oder mit der? Oder möchte ich heute Zeit für mich haben? Wir fällen tagtäglich Entscheidungen. Auch im analogen Leben.

Mit dem Smartphone hat es sich eingebürgert, dass wir meinen, mehr als eines zu können. Leute treffen und gleichzeitig noch Verbindung halten zu anderen. Chatten und reden. Doch ich frage: Sind wir da echt? Wirklich da? Wach und aufmerksam?

Ich glaube nicht. Du kannst das gerne mal testen: Stell dir vor, du willst deiner Freundin oder deinem Freund an diesem Abend einen Heiratsantrag machen. Aber dein Gegenüber hat immer ein Auge aufs Smartphone. Es wird nicht klappen! Multitasking können nur Maschinen, und das meist auch nicht gut. Wir Menschen aber sind umso intensiver und wichtiger für unsere Nächsten, wenn wir voll da sind. Unabgelenkt. Aufmerksam.

Deswegen mein Vorschlag: Entscheide, was du gerade tun willst. „Eure Rede sei Ja oder Nein“, sagt Jesus. Chatten oder reden, surfen oder jemand anderem nah sein. Und genieße beides. Nacheinander. Dann wird jedes besser und wertvoller. Alles hat seine Zeit.

Alles zu seiner Zeit


2. Verstreue nicht deine Daten

Mit deinem Smartphone trägst du viele Sensoren mit dir herum. Und was du nicht dabei hast, zeichnen andere auf. Dein Bewegungsprofil, dein Kaufverhalten, deine Vorlieben, deine Freunde und Verwandten, wann und mit wem du aufwachst. Alle Daten über dich lassen sich abspeichern, vernetzen und auswerten.

Was willst du zeigen? Was soll wer über dich wissen? Diese Fragen werden immer wichtiger, besonders seitdem wir lernen mussten, dass Geheimdienste und Konzerne unsere Daten zu einem digitalen Zwilling zusammenfügen. Das aber bist nicht du.

Deswegen mein Vorschlag: Überlege, was du wo angibst, und versuche, dir immer wieder mal vorzustellen, was jemand aus all deinen Daten zusammensetzen kann. Vielleicht sogar in böser Absicht. Wenn du diese Gefahr kennst, wird sie kleiner.

3. Genieße das, was du siehst – es muss nicht alles sein

Soziale Medien sind wie ein Strom von Nachrichten und Meinungen, auf dem du mit deinem Lebensschiffchen herumfährst. Nie wirst du alles erfassen. Den Fluss, auf dem du paddelst, kannst du auch nicht leertrinken. Es wird also immer etwas geben, das du nicht gesehen, gepostet oder geliked hast.

Deswegen mein Vorschlag: Mach es wie die Jünger von Jesus und versteh dich als Fischer. Freu dich über jeden Fisch, den du aus dem Netz ziehst, über jede gelungene Kommunikation auf Facebook, und lass dir die Freude nicht dadurch vermiesen, dass andere dir sagen, was du verpasst. Es wird immer mehr sein, was du nicht mitbekommst. Egal! Deine Geschenke werden immer größer sein.

4. Versuche Fastenzeiten

Für manches im Leben brauchen wir Stille. Schlafen kann man nicht im Lärm, Nachdenken nicht bei störenden Geräuschen. In einer immer lauter werdenden Welt empfinden wir Stille oft als Erholung.

Deswegen mein Vorschlag: Nimm dir immer wieder eine Auszeit und suche die Stille. Wenn du das deinen Freunden mitteilst, können sie sich leicht darauf einstellen. Schalte zu Beginn deiner Auszeit ein Gerät nach dem anderen ab. Nimm dir die Zeit, genieße sie und kehre dann bewusst wieder in deine Kontakte zurück. Zwischen zehn Minuten und einer Woche macht alles Sinn. Spätestens wenn der Gedanke, dein Smartphone eine Zeit lang nicht zu haben, dir Angst macht, solltest du bewusst eine Pause machen.

5. Hol dir und gib selbst Rückmeldung

In der Kommunikationstheorie heißt es: „Die Botschaft entsteht beim Empfänger.“ Soll heißen: Nicht alles, was du sagen, zeigen oder ausdrücken willst, kommt so an, wie du es wolltest. Ein falsch verstandener Tweet, ein missverständlicher Post, ein unvorteilhaftes Bild – schnell kann das in die falsche Richtung laufen.

Mein Vorschlag: Lass dir von Freunden Rückmeldung geben. Wie fandet ihr dies oder das? Wenn ihr meine Beiträge seht, was für ein Bild gewinnt ihr da zurzeit? Hat es sich verändert? Bin ich online anders als in echt? Wer ab und zu fragt, kommt zu einer gelungeneren Kommunikation. Fast noch wichtiger ist es, selber Rückmeldung zu geben. Da wird jemand immer trauriger, postet kaum mehr oder viel zu viel. Macht Dinge, die du nicht verstehst. Frage nach und übernimm Verantwortung! Vielleicht wartet der oder die nur darauf, angesprochen zu werden. In den digitalen Medien geht manches verloren, was uns im direkten Kontakt vielleicht früher auffallen würde. Und jede Plattform ist nur so gut wie ihre Community. Also sei achtsam und liebevoll mit dir und anderen.

6. Lebe echt

Mein letzter Vorschlag: Geh jeden Tag mal raus. Spüre, was draußen gerade ist. Welches Wetter, welche Geräusche, welches Licht. Ich mache die Erfahrung: Wenn ich einmal am Tag mich als Mensch auf dieser Welt spüre, fällt es mir leichter, echt zu leben – auch online.

Christoph Breit

Der Autor ist Social-Media-Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche
in Bayern. Der gebürtige Münchner wirbt für die Möglichkeiten des Netzes und
arbeitet auf seiner Projektstelle und auf vielen Plattformen mit. Privat ist der
zweifache Vater Musiker, Ehemann, Segler und glücklich. Und natürlich der
Meinung, dass Facebook und Twitter sein Leben bereichern.

(aus: idealisten.net 2/2014, S. 12f.
Mit freundlicher Genehmigung der
Evangelischen Nachrichtenagentur idea.
Mehr unter idea.de und idealisten.net)

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